Es ist auch meine Gesundheit

Roland Hahn gehört zur Risikogruppe 60 plus. Dass es ihn derart aus dem Kalten heraus erwischen würde, daran hatte er nicht geglaubt. Harmlos fing es an. Schnupfen und Gliederschmerzen, nichts Untypisches in dieser kalten Jahreszeit, so kurz vor Weihnachten. Ahnungslos machte er einen Termin bei seinem Hausarzt. Sein Hausarzt – wie so viele andere – testete Roland Hahn ganz routiniert. Ein Teststäbchen in Nase und Rachen, steril verpackt und ab zur Auswertung ins Labor damit. „Zu diesem Zeitpunkt war ich noch gelassen“, sagt Roland Hahn.

Roland Hahn

Die Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten. Schon tags darauf klingelte zu Hause das Telefon. Das Gesundheitsamt. „Ich war positiv auf das Coronavirus getestet, sollte mich sofort in Quarantäne begeben für zehn Tage“, sagt Roland Hahn. Die Nachricht zog innerfamiliäre Kreise. Seine Ehefrau und weitere Familienmitglieder mussten ebenfalls in Quarantäne. Getrennte Schlafzimmer, getrenntes Bad und zweimal täglich den Krankheitszustand für das Gesundheitsamt erfassen.

Später klingelte es – an der Tür. Kinder und Enkelkinder standen für eine kurze Stippvisite vor dem Haus, wollten wissen wie es Opa geht. Roland Hahn öffnete ihnen. Mit Mundschutzmaske stand er an der Türschwelle. „Der Abstand zu meinen Kindern fühlte sich größer an, als er tatsächlich in Metern zu beziffern war“, sagt Roland Hahn. Winke, winke und das Versprechen, den Weihnachtsschmaus zu verschieben. Das wars. Tür wieder zu.

Und dann ging es los. Das Grübeln. Das In-sich-hinein-horchen. „Wie und wo habe ich mich infiziert? Warum habe ich nicht die typischen Symptome? Wie geht es weiter“, sagt Roldan Hahn. So allein und isoliert zu Hause, da drehen sich die Gedanken zwangsläufig im Kreis.

Einen Tag vor Quarantäneende rief das Gesundheitsamt an. Keine Symptome. Kein Fieber. „Ich durfte wieder raus. Entschied mich aber dagegen und bin freiwillig länger in der Isolation geblieben. Weil: die Quarantäne für meine Familie war nämlich noch nicht aufgehoben“, berichtet Roland Hahn.

Zu Silvester kam ein Teil der Familie. Diesmal war es ein halbwegs richtiger Besuch. Jedoch ohne Handschlag, ohne Umarmung. „Um Mitternacht gingen wir vors Haus und feuerten die einzige, vom Vorjahr übrig gebliebene Rakete gen Himmel“, sagt Roland Hahn. Nein, solch ruhiges Silvester hatte Familie Hahn noch nie erlebt.

Im neuen Jahr hat Roland Hahn die selbst auferlegte Isolation beibehalten. Ein Einkauf im Supermarkt ließ sich nicht vermeiden. „Unverständlich“ – er schüttelt noch immer den Kopf, wenn er an die fehlenden Abstände zwischen den Einkaufsregalen denkt. „Einer drohte mir nach meinem Hinweis, die Maske richtig aufzusetzen, Schläge an“, berichtet Roland. „Eine Social-Controlling-Folge, wenn keine amtliche Kontrolle präsent ist. Es ist auch meine Gesundheit“, fügt er hinzu.

Seither kämpft Roland Hahn mit den Folgen seiner Corona-Infektion. Vieles könne er nicht richtig zuordnen. „Bin ich nun weiter positiv oder kann mich wieder infizieren? Ich weiß es nicht.“, sagt er. Spurlos ist diese Infektion nicht an ihm vorbeigegangen. Seine Konzentrationsfähigkeit lässt zu wünschen übrig. Er hat massive Schlafstörungen. Und sein Kreislauf mache mitunter Sprünge.

„Ich lass mich auf alle Fälle impfen. Vielleicht hilft´s“, sagt Roland Hahn.

Autor: Katja Schubach

Ohne Struktur

„Die Struktur im Alltag fehlt“, sagt Katarina Hollstein. Weder geregelte Arbeitszeiten für sie und ihren Mann, noch aufeinander abgestimmte Wochenlehrpläne für die Kinder. Das Familienleben der Hollsteins steht seit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 Kopf.

Katarina Hollstein

Katarina Hollstein arbeitet als Store Managerin in einer Damenboutique im Jenaer Stadtzentrum, ihr Mann Alexander arbeitet ein Stückchen weiter in einem Reisebüro. Die beiden Söhne besuchen ein Jenaer Gymnasium. Seit Monaten sitzen sie nun gemeinsam zu Hause. Und damit ihnen die Decke nicht auf den Kopf fällt, gehen sie im Jenaer Umland seit dem ersten Lockdown noch mehr wandern als vorher. Ob Pilze sammeln oder Schlitten fahren – der Wald biete zu jeder Jahreszeit Erholung. „Sicherlich haben wir viel Zeit für die Familie. Und wir haben auch privat im Haus viel erledigen können, wofür sonst selten Zeit ist“, sagt Katarina Hollstein. Dennoch bleibe die Sehnsucht nach Normalität und ein Gefühl der Machtlosigkeit.

Jeden Tag koordiniert Katarina Hollstein die Termine ihrer Kinder. Vorrang haben hier vor allem die Videokonferenzen mit der Schule. Die finden neuerdings ohne Bildübertragung, nur mit Audio statt. „Damit alle Kinder eine stabile Netzverbindung haben“, fügt sie erklärend hinzu. Ihr großer Sohn besucht die Abschlussklasse – wechselnd im Präsenzunterricht und im Homeschooling. „Das ist mit dem Schulbus nicht machbar. Zwischen Stundenschluss Präsenzunterricht und Beginn der nächsten Videokonferenz liegt manchmal nur eine halbe Stunde“, sagt Katarina Hollstein. Also ab ins Familientaxi. Auch die eingekürzten Dienstzeiten für sie und ihren Mann machen sie ganz konfus. „Wir gehen beide arbeiten, aber immer nur stundenweise und selten zeitgleich“, sagt sie. Ein tägliches Hin und Her.

Die Situation hat sich vor allem für die Kinder seit dem März verschärft. Damals war alles klar. Die Kinder waren zu Hause. Die Lehrer haben Aufgaben geschickt. Ab und an habe man mal mit den Lehrern telefoniert. Aber der aktuelle Versuch aus digital und präsent führe zu heillosem Durcheinander und die Anzahl der Kommunikationswege nehme weiter zu. So kommen Änderungen wie aktualisierte Verordnungen via E-Mail, die Aufgaben für die Kinder via Moodle und die Videokonferenzen laufen über die Thüringer Schulcloud. Und wenn dann noch zwei Lehrer, die gleiche Klasse zeitgleich zu Videokonferenzen bestellen, dann ist auch Katarina Hollstein als Familienmanagerin mit ihrem Latein am Ende.

„Die Kinder kommen oftmals besser zurecht als wir“, sagt sie über das Schulkuddelmuddel. Und eigentlich finden die beiden Jungen den Online-Unterricht nicht schlecht. Schließlich haben die Hollsteins im Keller einen Computerraum voll ausgestattet mit zwei Rechnern, den die Jungs nach Unterrichtsschluss auch einfach verlassen können. „Das ist unser Vorteil“, sagt Katarina Hollstein.

Volle Körbe nach Wanderungen im Jena Umland

Doch was eben noch versöhnlich klingt, schwankt sofort in ein riesiges Aber zurück. „Im April waren Stoffmasken noch das Nonplusultra. Jetzt plötzlich nicht mehr, jetzt brauche ich eine medizinische Maske. Soziale Kontaktreduktion wurde angeordnet, geholfen hat sie nichts“, sagt die 45-Jährige. Die Infektionszahlen sind weiter gestiegen. Für die Stadt Jena gelte noch immer ein Betretungsverbot. Sie selbst hat von ihrem Arbeitgeber einen Passierschein bekommen, damit sie für die nötigsten Arbeiten ein, zweimal die Woche für wenige Stunden ins Büro ihrer Damenboutique fahren dürfe. „Ich bleibe zu Hause, um die Alten zu schützen. Und dann schau ich mich in der Innenstadt um und sehe wie Senioren trallern gehen“, sagt Katarina Hollstein und hebt die Hände. Sie verstehe längst nicht mehr, was all die Maßnahmen bezwecken sollen – wenn keiner sich dran halte und niemand sie kontrolliere.

Nachvollziehbarkeit, Klarheit und Transparenz – all das vermisse sie schon seit Monaten in der öffentlichen Diskussion. Nachrichten ignoriere sie mittlerweile völlig. „Das ist Stimmungsmache in eine bestimmte Richtung. Angst und Panikmache und ich sehe, dass es funktioniert.“ Zu widersprüchlich, keine klare Linie und immer wieder neue Hiobsbotschaften, um die Menschen einzusperren, immer neue Erklärungen, um die Maßnahmen durchzusetzen – all das führe dazu, dass ihre eigene Akzeptanz zu den Corona-Schutzmaßnahmen von Tag zu Tag sinke. 

Und deshalb hat sie auch eine klare Erwartungshaltung – zumindest an die Bildungspolitik. „Ich glaube, dass dieser Lockdown zu Lerndefiziten bei unseren Kindern führt. Und deshalb hoffe ich, dass alle derzeit schulpflichtigen Kinder in Thüringen ein Jahr dranhängen dürfen, wenn sie es brauchen – um die Schule erfolgreich abschließen zu können“, sagt sie.  

Autor: Katja Schubach

Wider die Menschlichkeit

„Die Spaltung der Gesellschaft macht mir Angst“, sagt Anke Voigt. Die 56-Jährige arbeitet seit vielen Jahren als Kosmetikerin in Jena. Die restriktiven Corona-Maßnahmen und dazu das stille Abwarten, in der Hoffnung die Corona-Krise ginge bald vorbei, sei gefährlich. „Irgendwann wird es zu spät sein, um das Ruder noch rumzureißen“, sagt sie.

Anke Voigt

Auch Anke Voigt ist stark betroffen von den seit Monaten nicht enden wollenden Schließungen. Lockdown reiht sich an Lockdown. Und ob das Kosmetikstudio, in dem sie arbeitet, diese Zeit überstehen wird, kann sie nicht sagen. Sie selbst lebt derzeit von Kurzarbeitergeld. Es reicht gerade so für den eigenen Lebensunterhalt. „Ein Sterben auf Raten – zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“, fügt sie hinzu.

Die Machtlosigkeit dieser Situation hat sie zum ungehorsamen Bürger werden lassen. Tatenlos zusehen, will sie nicht: „Uns wurde das Recht auf Arbeit genommen. Unsere Freiheit wurde eingeschränkt. Und jetzt gehen sie auch noch an die Unversehrtheit unserer Körper.“ Deshalb hat sie sich entschlossen, sich in einem bundesweiten Netzwerk Gleichgesinnter zu engagieren, um die Menschen zu ermuntern sich für ihre Grundrechte einzusetzen. Von Nord bis Süd vernetzt sie Menschen – einige benötigen Unterstützung im Umgang mit den Behörden, andere brauchen Gespräche, um ihre Ängste oder ihren Frust zu kanalisieren. Ob Videokonferenzen oder Chatgruppen – es seien viele Unternehmer betroffen, die sich hier zusammenfinden und gegenseitig unterstützen.

Sorgen macht sich Anke Voigt vor allem um die Jüngsten, die Kinder. „Sie tun mir leid. Was wird ihnen angetan. Sie als Superspreader zu stigmatisieren, ihnen den Umgang mit ihren Großeltern zu verwehren“, sagt sie. Doch auch der Umgang mit den Ältesten, die ihre Angehörigen nicht sehen können, bekümmert sie. „Für mich geht in diesem Land gerade die Menschlichkeit unter.“

Und dann ist da natürlich noch die eigene berufliche Sicht. „Niemand redet über die Kollateralschäden. Viele Menschen haben Hautprobleme, weil sie Masken tragen müssen“, sagt die Kosmetikerin. Die Masken im Gesicht bieten den perfekten Nährboden für Pilze und Bakterien rund um Mund, Wangen und Kinn. Die Folge: offene Wunden, Entzündungen und Akne.

„Ich bin mein Leben lang verantwortungsbewusst mit meiner Gesundheit umgegangen. Und ich respektiere all diejenigen, die Angst haben. Deshalb trage ich in Läden eine Schutzmaske und meide den öffentlichen Nahverkehr. Aber an der freien Luft – da kommt das für mich nicht in Frage“, sagt Anke Voigt.

Autor: Katja Schubach

An die Substanz

„Es geht an die Substanz“, sagt Stefan Bresack. Der tägliche Spagat zwischen Arbeit und Homeschooling, der fehlende Freizeitausgleich und die Ungewissheit, wie lange der Lockdown noch anhält. Zum Anfang habe der 50-Jährige hinter den Corona-Maßnahmen gestanden. „Fälle senken durch Eindämmen, Absperren – alles schön und gut“, sagt er. „Aber heute?“ Er verschränkt die Arme, legt den Kopf schief und dann bricht es sich Bahn…

„Es hat alles nichts genutzt. Um die steigenden Zahlen einzudämmen. Ich als Wissenschaftler sehe mit Sorge, dass die Zahlen falsch erhoben werden. Siehe PCR-Tests. Alles gleich Corona – egal, ob die Menschen infiziert oder erkrankt sind. Und jetzt. Der Lockdown wird immer schärfer. Die Zahlen steigen trotzdem…“

Vor der Kamera: Karate-Training online im Dojo des USV Jena

Stefan Bresack arbeitet an einer der Jenaer Hochschulen. „Im Öffentlichen Dienst. Zum Glück“, sagt er. Studenten, Dozenten, Professoren sieht der Laboringenieur schon seit Monaten, wenn überhaupt, nur online. Von seinem Labor aus fährt er seine Lehrveranstaltungen via Videokonferenz. Im laufenden Semester sind es aktuell vier solch so genannter Praktika verteilt auf drei Tage.

„In der restlichen Zeit bin ich zu Hause gebunden. Im Homeschooling. Zu hundert Prozent“, sagt Stefan Bresack. Er ist alleinerziehend und hat zwei schulpflichtige Kinder. Die große Tochter ist mittlerweile selbständig und arbeitet hart für ihr Abitur. Sein Sohn dagegen braucht täglich Unterstützung. Lang sei der Weg gewesen, ehe klar war: Nicht in die Schule gehen zu dürfen, heißt nicht, nicht lernen zu müssen.

Einen Stundenplan gibt es für den Sechstklässler nicht, dafür aber wöchentlich Aufgaben in den Fächern Englisch, Deutsch und Mathematik. Dazu Vorträge in Kunst und Musik. Es ist der so genannte Wochenplan, den alle Schüler abzuarbeiten haben und der von den Lehrern über die Thüringer Schulcloud zur Verfügung gestellt wird. Soweit so gut, möchte man denken – wenn da nicht die Tücken der Lehrplattform wären.

Thüringer Schulcloud: Jeden Abend lädt Stefan Bresack für seinen Sohn Aufgaben hoch- oder runter.

„Ohne das Engagement der Eltern geht da nichts. Ich habe für meinen Sohn als erstes einen Stundenplan geschrieben – mit täglich festen Unterrichtszeiten. Und dann die Schulcloud. Sie ist zu kompliziert, zu unübersichtlich. Ich muss die Aufgaben für meinen Sohn runterladen und die Antworten auch wieder hochladen. Das kann er nicht allein machen“, berichtet Stefan Bresack. Bis zu einer Stunde Arbeit kostet ihn das täglich. Und wenn mal wieder alles zusammenbricht, dann greift er doch wieder zum profansten aller Mittel: „Ich schicke es per E-Mail raus.“ Immerhin habe er ein gutes Verhältnis zu den Lehrern, auch wenn er immer wieder erlebt, dass sie überfordert sind.

Außerdem gibt der passionierte Karateka zweimal in der Woche abends Online-Training im Dojo des USV Jena. Auf 450 Quadratmetern Tatami – wo sonst mehr als 40 Kampfsportler trainieren – steht er allein mit einem Laptop, einer Kamera und einem Mikrofon. „Das ist sehr surreal. Ein komplett anderes Training, weil die Interaktion mit den Trainingsteilnehmern fehlt. Die gesamte Kommunikation liegt auf Eis“, sagt der Karatetrainer. Auch im Vereinsleben passiere nichts. Selbst die WhatsApp-Gruppen verwaisen. Dennoch ist er dankbar, weil der USV Jena dieses Angebot für seine Mitglieder möglich gemacht hat.

„Mein Vertrauen in die Politik ist zutiefst erschüttert. Fehlinformationen seitens der Behörden, der Regierung, der öffentlich-rechtlichen Medien“, sagt er. Eigentlich habe er eine objektive Berichterstattung zur Arbeit der Bundesregierung erwartet. Aber was er wahrnimmt, sei das gezielte und bewusste Schüren von Angst. Die Meldungen, dass Krankenhäuser überfüllt seien und die Menschen wie die Fliegen sterben, rissen nicht ab. „Es wäre viel geholfen, eine sachliche und öffentliche Debatte zuzulassen“, sagt er.

Deshalb will sich Stefan Bresack auch erstmal nicht im impfen lassen. Viel zu schnell hätte der Impfstoff zur Verfügung gestanden. „Das ist verdächtig“, sagt er. Normalerweise würden über Jahre hinweg Studien angefertigt, bis man sicher ist, dass der Impfstoff flächendeckend, eventuell auch verpflichtend verabreicht wird. „Es gibt schließlich auch traditionelle Ansätze, bei denen ein abgeschwächter Erreger geimpft wird, um das Immunsystem zu trainieren – darüber redet keiner“, fügt er hinzu. Und ob es unbedingt ein Gen-Impfstoff sein muss, da ist er sich auch nicht sicher.

Autor: Katja Schubach

Zur Unzeit

Corona-Krise: Jenaer Friseurmeisterin protestiert vor eigenem Salon

Jena. „Es geht mir gut. Privat. Persönlich. Aber meine Konten sind leer“, sagt Sandra Stenzel. Seit April 2012 betreibt die 32-jährige Friseurmeisterin in der Jenaer Innenstadt ihren eigenen Friseursalon. Die wirtschaftliche Dimension des Corona-Lockdowns sei für sie längst nicht mehr tragbar. „Ich weiß nicht, wie ich das je abarbeiten soll“, sagt sie.

Im Frühjahr vergangenen Jahres ging es noch. Irgendwie. Nach sieben Wochen war die Überbrückungshilfe da. Sie konnte ausstehende Kosten wie Ladenmiete und Leasingrate fürs Auto teilweise begleichen. Doch mit dem zweiten und dritten Lockdown habe sich die Situation verschärft. „Die Kosten laufen auf. Ich habe kein Einkommen. Auch die Überbrückungshilfen helfen mir nicht. Ich darf sie nicht mal dafür nutzen, um mir was zu essen zu kaufen“, fügt Sandra Stenzel hinzu.

Der Lockdown kam zur Unzeit. Mit 23 Jahren machte sich die passionierte Friseurmeisterin selbstständig, hat mittlerweile die letzte Rate ihres Unternehmenskredites abgezahlt. „Dieses Jahr hätte ich angefangen, erste Rücklagen zu bilden“, sagt sie weiter. Doch jetzt? „Jetzt muss ich mich – unverschuldet – mit dem Thema der Insolvenzverschleppung beschäftigen. Das kann nicht das Ziel sein.“

Nahezu wöchentlich steht Sandra Stenzel deshalb vor ihrem Friseursalon in der Saalstraße. Auch sie „MACHT AUFmerksam“ – eine Initiative der Händler, Gastronomen und Gewerbetreibenden der Jenaer Innenstadt. Eingehüllt in einen weißen Schutzanzug. Ein gelbes Schild um den Hals auf dem mit großen Lettern steht: PLEITE. Dann und wann Fernsehkameras samt Ordnungsamt im Schlepptau. „Wenn es ging, ich würde mich auch auf den Markt stellen und frisieren. Und ernsthaft. Ich frage mich: wenn alle Friseure geschlossen sind, wie machen das die Herren und Damen aus der Politik, die jeden Tag gut frisiert vor die Kameras treten. Ja, das frage ich mich.“ Und so merkt man der jungen Frau doch noch an, dass die Corona-Krise entgegen aller Beteuerungen eben nicht spurlos an ihr vorbei geht.

Autor: Katja Schubach

Am Limit

Corona-Krise: Jenaer Life-Kinetik-Trainerin leistet Hilfe zur Selbsthilfe

 

Jena. „Es brennt“, sagt Ivonne Nöhren. Bei ihr, aber auch bei vielen anderen. Die Überbrückungshilfen fließen nicht. Die Antragsverfahren liefen „heillos chaotisch“. Die Rechtslage unübersichtlich. Perspektiven nicht in Sicht. Und die Konten und Kühlschränke vieler von den Corona-Maßnahmen Betroffenen seien leer. Es ist nur schwer auseinanderzuhalten, wann Ivonne Nöhren über ihr eigenes Schicksal oder das der anderen spricht. Denn jeder Fakt zieht eine persönliche Geschichte nach sich…

Gut ein Jahr ist es nun her. Die LifeKinetik-Trainerin erfüllt sich einen Traum und eröffnet im Januar 2020 ihr eigenes Trainingszentrum im Norden von Jena. Mit Kursen zu Gewaltprävention und Selbstverteidigung wollte sie fortan Kindern und Müttern mehr Selbstbewusstsein geben. Es läuft gut an.

Doch schon drei Monate später, im März war wieder Schluss. Der erste Corona-Lockdown wurde verhängt. Bundesweit. Das Trainingszentrum musste schließen. Seitdem hat die 43-Jährige keine Einkünfte mehr. Der aufgenommene Kredit zur Einrichtung des Trainingszentrums, die Miete für die Trainingsräume, die Leasingrate fürs Auto – das alles aber läuft weiter.

Rumsitzen, ausharren und einfach aufs Beste hoffen – das sei einfach nicht ihr Ding. Deshalb engagiert sich Ivonne Nöhren seither ehrenamtlich, leistet Hilfe zur Selbsthilfe. Und ihre Woche ist ausgefüllt mit Gesprächen, Arbeitstreffen und Telefonaten. „Ich bin die typische Netzwerkerin“, sagt sie. Und schon fliegen ihre Hände über den Tisch, markieren imaginäre Gruppen und sie erzählt unaufhaltsam, wen sie alles zusammenbringt. Es sind vor allem die Selbstständigen, Gleichgesinnte wie sie. Sie alle brauchen Hilfe und Unterstützung von Rechtsanwälten und Steuerberatern. Aber auch Interviews mit Journalisten und immer wieder Gespräche. Auch Tauschgeschäfte. Ivonne Nöhren organisiert, was gebraucht wird. „Miteinander zu reden. Das ist bei allem, was ich tue, das Wichtigste. Sich alles von der Seele zu reden“, fügt sie hinzu.

Besonders am Herzen aber liegt ihr die Aufklärung. „Klappe auf für Kinderrechte“ hieß die erste Kundgebung in Jena, die sie selbst organisiert hat. Weitere folgten. Kuscheltiere und Kerzen vor dem Jenaer Sozialdezernat. Weihnachtsliedersingen auf dem Holzmarkt. Auf Demonstrationen im ganzen Bundesgebiet kämpft sie gegen die geltenden Corona-Maßnahmen. Seit Monaten ist Ivonne Nöhren auf Achse, um für ihre eigenen Rechte aber auch die von Kindern, Familien und Betroffenen auf die Straße zu gehen.

„Klappe auf für Kinderrechte“: Ivonne Nöhren und Dr. Ute Bergner, MdL

„Gerade häusliche Gewalt – das ist mein Thema. Und wenn dann plötzlich Schutzräume wie Kindergärten, Schulen oder Jugendclubs wegfallen…“ Ivonne Nöhren schüttelt den Kopf. „Das treibt mich um, was da hinter verschlossenen Türen passiert.“ Nein, aus ihrer Sicht stehen die Corona-Maßnahmen in keinem Verhältnis zu den psychischen, physischen und wirtschaftlichen Folgen. „Alles ist zu: Schulen, Läden, Gaststätten. Keine Konzerte. Das gesellschaftliche Leben ist runtergefahren. Und trotzdem steigen die Infektionszahlen. Da muss man sich doch fragen, ob die Maßnahmen die richtigen sind“, sagt sie.

Als gelernte Krankenschwester steht sie auch den Mundschutzmasken kritisch gegenüber. Denn Reizhusten, Lungenentzündung, Bindehautentzündung und Hautekzeme – all das können Nebenwirkungen sein, wenn man die Mundschutzmasken nicht sachgerecht trägt. „Über diese Kollateralschäden redet niemand“, sagt sie. Dann zieht sie einen Flyer aus ihrem Rucksack. Die Überschrift: „Gen-Food: nein danke. Gen-Impfung: ja bitte?“ Sie habe Verständnis für das Kranken- und Pflegepersonal in Deutschland. „Wir reden hier über einen mRNA-Impfstoff mit Notfallzulassung, der in kürzester Zeit entwickelt wurde. Das gab es noch nie. Wir kennen die Langzeitfolgen nicht. Wir haben keine Datenbasis zu den Probanden. Und dass sich unter diesen Bedingungen, medizinisches Personal nicht in eine Vorbildfunktion zwingen lassen will, ist doch klar“, sagt sie.

Dass sie nicht einfach nur dagegen ist, merkt man ihr an. „Warum stellt niemand die Frage danach, was man präventiv machen kann?“ Und ihre Vorschläge sind konkret: Ein runder Tisch, ein echter wissenschaftlicher Diskurs und interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Virologen, Epidemiologien, Psychologen und Kinderärzten. „Die mehrere Studien auswerten und abwägen, was sinnvoll ist.“ Sie sinkt in den Stuhl zurück.

 „Ich bin am Limit. Und ich fühle mich alleingelassen auf weiter Flur.“ Vor allem die momentane Perspektivlosigkeit mache ihr zu schaffen. „Ich weiß nicht, ob es mein Trainingszentrum im Sommer noch geben wird. Irgendwann werde ich eine Entscheidung treffen müssen, darüber wie lange ich bereit bin, diese Schulden aufzuhäufen.“ Es ist die Erkenntnis, dass sie von all ihren Bemühungen nicht leben kann. Dennoch: Aufgeben ist für Ivonne Nöhren keine Option.

Autor: Katja Schubach